Report about my semester abroad 

Madrid, Winter 2015/2016 (Bachelor)

Leben in Madrid:

Um so viel vorwegzunehmen: Wäre die Universität in Spanien nicht so unglaublich teuer und das akademische Niveau meiner Ansicht nach nicht so unglaublich niedrig, dann hätte ich um nichts in der Welt aus Madrid fortgewollt. Viele Spanier sagen, dass Madrid eigentlich ein Dorf ist. Innerhalb des Zentrums kann man fast alles zu Fuß erreichen. Am Wochenende trifft sich die gesamte Stadt auf Stadtfesten, beim sonntäglichen Bummel über den berühmten Rastro-Flohmarkt und abends auf den Plazas bei Tortilla und Bier. Auf der Gran Vía leuchten die Reklametafeln der Geschäfte und Musicals jeden Tag, vor den drei Hauptmuseen Prado, Reina Sofia und Thyssen stehen die Menschen täglich um 18 Uhr Schlange, weil dann der Eintritt für eine Stunde umsonst ist, an der Puerta del Sol protestieren täglich Studenten, Arbeitslose, Veganer und Bahnmitarbeiter gegen die verfahrene Politik, Stierkämpfe und Hungerlöhne. Dazu kommt, dass es meiner Erfahrung nach sehr einfach ist, sich einzuleben, und das nicht nur wegen der studentenfreundlich niedrigen Lebenshaltungskosten. Wer sich ansatzweise bemüht zeigt, castellano zu sprechen, wird fast immer sehr freundlich aufgenommen. Das Klischée, dass Erasmus-Studenten im Auslandssemester unter sich bleiben, kann ich darum nicht bestätigen. Mein Glück war allerdings auch meine WG, denn meine spanischen Mitbewohnerinnen haben mich sofort adoptiert. Dazu kommt, dass ich mich gleich zu Beginn des Wintersemesters für einen Lindy Hop Kurs in Calle Magdalena angemeldet und dadurch viele Madrileños kennengelernt habe, die mich quasi täglich in ihre Lieblingsbars mitnahmen, mein Spanisch straßentauglich machten und mich aus meiner Uni-Seifenblase herausholten, in der die nächste Statistikprüfung von ungeheurer Bedeutung scheint und das gesamte soziale Umfeld aus Studenten besteht. Ich kenne niemanden, der hier gewohnt hat und sich nicht rettungslos in die Stadt und ihre Bewohner verliebt hätte: Madrid, die europäische Hauptstadt, die für ihre Bewerbung als Austragungsort der olympischen Spiele kein repräsentatives Wahrzeichen findet, Madrid wird im Vergleich zu Metropolen wie Paris, Berlin oder London mitsamt Tour Eiffel, Fernsehturm und Big Ben chronisch unterschätzt.

Wohnungssuche:

Generell sind die Mietpreise in Spanien deutlich niedriger als in Deutschland. Für das Zentrum Madrids gilt das leider nur eingeschränkt, aber wer früh genug beginnt zu suchen, hat gute Chancen, ein einigermaßen günstiges WG-Zimmer in zentraler Lage zu finden. Das spanische wg-gesucht heißt www.idealista.com und hier haben die meisten meiner Freunde ihre Wohnung gefunden. Vorsicht ist geboten bei Angeboten von zweifelhaften Agenturen (aber dass Angebote für Zimmer in Häusern mit Swimmingpool im Garten für 200 Euro unseriös sind, muss ich wohl nicht betonen). Ansonsten ist es meiner Erfahrung nach am einfachsten, einige Wochen vor Semesterbeginn direkt vor Ort etwas zu suchen. In Spanien ist es gang und gebe, dass der Vermieter die Mieter aussucht. Es kann also sein, dass ihr eure Mitbewohner erst beim Einzug kennenlernt. Letztlich habe ich ein Zimmer von etwa acht Quadratmetern in einer WG gefunden, mit zehn Mitbewohnerinnen, zweieinhalb Bädern und geteilter Küche, dafür mitten im Zentrum zwischen Malasaña und Chueca. Gezahlt habe ich 290 € im Monat (mit Nebenkosten). Abgesehen von dem Schreckgespenst eines Vermieters, der gerne mal unangekündigt im Flur stand und jeden Vorwand nutzte, Teile unserer Kaution einzubehalten, habe ich meine Wohngemeinschaft sehr geliebt. Ich hatte das Glück, mit Leuten aus Lateinamerika, Spanien, Italien und den USA zusammenzuleben und habe durch meine Mitbewohnerinnen sicher mehr Spanisch, mehr über Madrid und andere Länder gelernt als in zwei Semestern an der Uni. Da die Universität außerhalb Madrids liegt, braucht man von Tür zu Tür fast immer eine Stunde mit Metro und Cercanias. Auf keinen Fall würde ich empfehlen, ins Studentenwohnheim zu ziehen: Die Zimmer sind um die 500 Euro teuer, es gibt keine Kochmöglichkeiten und der Campus ist wirklich weit entfernt von allem. Das Zentrum Madrids ist dagegen umso lebenswerter: Malasaña ist das hippe Weggeh-Viertel, Chueca, das Schwulenviertel, hat auch ein buntes Nachtleben zu bieten. La Latina und Lavapiés sind frühere Immigrantenviertel, die in den vergangen Jahren zu alternativen Trend-Barrios mutiert sind. Um seinen Erasmus-Aufenthalt wirklich zu genießen, kann ich nur empfehlen, in diese Gegend um Sol, Retiro oder Gran Vía zu ziehen.

Studium:

In Heidelberg hatte ich bereits die ersten zwei Jahre des Bachelorstudiums abgeschlossen. Da mir von vorneherein klar war, dass sich mein Studium durch die zwei Semester im Ausland verlängern würde, habe ich beschlossen, nur Kurse zu belegen, die mich persönlich interessieren und mich später um die Anrechnung zu kümmern. Ich habe fast nur Optativas belegt. Das sind Kurse für die höheren Semester, die nur drei Stunden in der Woche stattfinden (im Gegensatz zu vier oder fünf Stunden für die Obligatorias). Insgesamt habe ich Studieren an der Universidad Autónoma de Madrid eher wie eine Zeitreise zurück in die Mittelstufe empfunden. Das fachliche Niveau ist sehr, SEHR viel niedriger als in Deutschland, was auch damit zusammenhängt, dass die Zulassungshürde für Psychologie in Spanien sehr niedrig liegt. Die Anwesenheitspflicht und die diversen Gruppenarbeiten haben mich den letzten Nerv gekostet. Selten, dass meine Gruppenmitglieder früher als in der Nacht vor der Abgabe dazu zu bewegen waren, ihren Teil zu beginnen, was zu einigen für Heidelberger Verhältnisse unterirdischen Noten und Stressattacken geführt hat. Schockiert hat mich vor allem, dass ich mit meinem anfänglichen B1-Spanisch-Niveau letztlich in einigen Fächern die beste Note erzielt habe… und als Erasmus-Studentin die Gruppenarbeiten, die mir wichtig waren, fast allein geschrieben habe. Dafür habe ich sicher viel im Bereich interkulturelle Kompetenzen dazugelernt – und ich bin sehr viel entspannter geworden. Umso dringlicher würde ich empfehlen, sich bei der Kurswahl von den eigenen Interessen leiten zu lassen und sich nicht von Noten stressen zu lassen.

Noch ein Wort zum Thema Spanisch: Ich hatte zwar in der Schule vier Jahr Spanischunterricht, musste aber vor Ort schnell feststellen, dass mir jegliches Vokabular fehlte. Der Unterricht an der Autónoma wird gänzlich auf Castellano abgehalten. Tatsächlich fiel es mir aber erstaunlich leicht, den Kursen zu folgen, da das Vokabular sehr repetitiv ist und die Fachbegriffe sich ähneln. Gerade dadurch, dass man mit Englisch nicht weit kommt, spricht man von Anfang an den ganzen Tag lang Spanisch. Dementsprechend schnell lernt man dazu und nach einem Semester hatte ich quasi keine Probleme mehr, weder an der Uni noch im Alltag.

Fazit:

Es ist faszinierend, wie unterschiedlich zwei Länder sein können, die geografisch so nah aneinander liegen: Fast alle spanischen Studenten wohnen noch bei ihren Eltern, was nicht zuletzt an einer Jugendarbeitslosenquote um die 50 Prozent liegt. Meine Kurse fanden generell zwischen zwei Uhr mittags und halb zehn Uhr abends statt, weil sich das soziale Leben ohnehin viel später abspielt. Und nicht erst seit dem Wahlerfolg von Ciudadanos im vergangenen Dezember ist die Erwähnung Kataloniens eine Garantie für emotionale Gefühlsausbrüche. Solche kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Unterschiede selbst zu erleben, ist meiner Ansicht nach von unschätzbarem Wert und eine große Chance, die uns durch Erasmus geboten wird. Und zum Schluss: Geht unbedingt zwei Semester, wenn ihr irgendwie könnt. Ein Semester Madrid ist zu wenig!