Report about my semester abroad 

Valencia, Winter 2017/2018 (Bachelor)

Ey, ich dachte in Spanien sei es immer warm! 23. Dezember, halb 11 abends in meiner Wohnung in Valencia: Meine Mitbewohner tischen den Weihnachtskuchen auf, in dem eine kleine Weihnachtsfigur versteckt ist. Wer das Stück mit der Figur bekommt, muss an Weihnachten im nächsten Jahr den Kuchen ausgeben. Meine japanische Mitbewohnerin kriecht unter die Decke, ein anderer spanischer Freund zieht sich seinen dritten Pulli an. Ja, auch in Spanien, auch in Valencia wird es im Winter kalt, sogar manchmal ungemütlich kalt. Ob ich trotzdem wiederkommen würde, auch im Winter? Auf jeden Fall! In letzter Hinsicht aus Zwang: Ich hatte das Kuchenstück mit Figur.

Ein Erasmussemester kann etwas sehr Hilfreiches sein: Probleme warten in jedem Bereich des Lebens. Ja, in diesem einen Punkt gebe ich Christian Lindner von der FDP Recht: Denn „Probleme sind dornige Chancen.“ Man kann also wachsen an der Sprachbarriere, an der Konfrontation mit einer anderen Kultur, an der Einsamkeit, an der Nervosität bei einer Wortmeldung in der Vorlesung, am Kennenlernen neuer Freunde. Psychologische Studien zeigen: Die Persönlichkeitsfacette „Offenheit für Erfahrungen“ prägt sich im Laufe des Auslandsjahrs deutlich aus. Und das ist, meine ich, eine wünschenswerte Charakterentwicklung. Die Schwierigkeiten, die im Ausland warten, sollten kein Grund dafür sein, nicht ins Ausland zu gehen! Dafür sind die Erfahrungen zu wertvoll.

Erasmus hat aber auch ein großes Laster. Mein Eindruck, der von einigen Freunden bestätigt wird, ist wie folgt: Ein Stipendium zu kriegen für den Besuch von Vorlesungen, deren Leistungsüberprüfungen nicht unbedingt für das eigene Studium zählen. – Für viele ist das eine Einladung, den Sommerurlaub auf die Dauer eines ganzen Semesters auszuweiten. Trägheit und Dekadenz sind die Folge. Ja, auch Erasmus besteht aus nerviger Bürokratie, die meines Erachtens besonders im Anerkennungsformalismus ihren Sinn verliert. Aber das sollte die Teilnehmenden nicht davon abhalten, dessen intellektuelles Angebot wahrzunehmen und zum Beispiel die spannenden Vorlesungen zu besuchen. Wie sehr man sich doch durch Diskussionen und Überlegungen entwickeln kann! Meist verschwindet die Trägheit der Studierenden aber schnell - sobald die Uhr Mitternacht schlägt.

Besonders in Spanien ist das Nachtleben spannend. Und auf jeden Fall auch auszukosten! Man verstehe mich nicht falsch: Leisure ist auch wichtig. Wer in seinem Erasmussemester keine Nacht auf der Plaza de Benimaclet verbracht hat, hat etwas verpasst. Gegen Mitternacht füllt sich der Platz vor der legendären Bar „Glop“ mit jungen Leuten, Gitarren und guter Stimmung. Gegen 4 Uhr morgens rückt planmäßig die Polizei an, um die Ruhe der Anwohner zu gewährleisten. Die ganze Meute zieht einen Kilometer weiter und wartet dort auf den Sonnenaufgang. Ein normales Wochenende.

Doch was als Genuss der kulturellen Besonderheit begriffen werden kann, führt oft - so habe ich es erlebt - zur Ignoranz anderer Lebensbereiche. Wie töricht ist es, sich nicht in Ruhe der tollen Natur rund um Valencia hinzugeben. Und ich meine nicht nur am Tag danach, um den Kater am Stadtstrand auszuschlafen. Sondern auch in wacher Aufmerksamkeit. Dazu gibt es nahgelegene Pinienwälder, Seen und Naturstrände. Unbedingt zu empfehlen ist der Wanderweg „El Garbí”.

Wie schade ist es für solche Erasmus-Studierenden, keins der ärmeren Viertel Valencias zu sehen! Die Altstadt mag interessant sein, doch Bezirke wie Nazaret bleiben unbesucht. Und das zu Unrecht. Denn was man dort besichtigen kann, ist die Lebensrealität der meisten Valencianer – und nicht die der tourismusgeschwängerten sozialen Blase der Ciutat Vella (Altstadt). Viele Leute sind arm, einige haben sich organisiert und verkaufen Drogen. Zum Beispiel im nördlichen Cabanyal: Des Öfteren kriegte ich abends auf dem Heimweg – ich wohnte im südlichen Cabanyal – von kleinen Mädchen Marihuana angeboten. Ja, in Spanien und anderen südlichen Ländern hat Kiffen eine andere Bedeutung und ist sehr verbreitet. Das kann die Kriminalität, die hinter der Armut der Bandenmitglieder steckt, aber nicht mildern. Schlimm ist es, wenn sich Reichere - auch Ausländer, auch Erasmus-Studierende - bei den kleinen Mädchen bedienen. Ein Akt, der diese verrückte Struktur nur verhärtet. Mit diesen Missständen konfrontiert zu werden, kann ein Anstoß zur Reflexion sein und das produzieren, was das Programm Erasmus jedenfalls in Teilen als sein Ziel propagiert: aufgeklärte Studierende.

Lasse ich die zwei Semester Revue passieren, erinnere ich mich aber vor allen Dingen an meine Freunde. Chillen am Strand, Musikmachen, Bars, Surfen, heftige Diskussionen über Philosophie, Romanzen. – Das alles ist auf jeden Fall drin. Schade nur ist, dass die Freundschaft vor Ort zeitlich auf die Dauer des Semesters begrenzt ist. Doch mit den richtig guten hält man sogar danach noch Kontakt. Sie kennengelernt zu haben, das hat mir Erasmus ermöglicht.